November 2006
Ein wolkenverhangener und regnerischer
Tag. Ich beobachte vom 2. Stock ungefähr
25 der 120 Jugendstrafgefangenen unserer
Anstalt, die, in ihre Bundeswehrparkas gehüllt,
im Hof müde ihre Runden drehen oder
auf dem nassen Boden hocken. Unser Sportund
Freizeithof ist 45 Meter lang und 15 Meter
breit, eingefasst von zwei Gebäudewänden
und einer 5 Meter hohen Betonmauer.
Die Gestaltung der Mauerwände zeigt skizzenhaft
antikische Architekturen,
Bildinhalt wie Malerei selbst dem Verfall
preisgegeben, die Farbe blättert ab, der
Himmel weint dazu.
Eine Stunde Hofgang, Treffpunkt für die
Gefangenen mit „Kollegen“ aus anderen
Abteilungen und die einzige Möglichkeit,
raus an die frische Luft zu gehen.
„Mit meinen Schülern die Mauer bemalen,
im Sommer,“ kommt mir in den Sinn,
„draußen arbeiten, mit Farbe Lebendigkeit
schaffen, wenigstens als malerische Illusion
perspektivische Weite, Ausblicke in die Welt,
Mauerdurchbrüche schaffen.“
MAUERMALPROJEKT
IN DER
JUGENDSTRAFANSTALT
PFORZHEIM
Juni 2007
Noch weiß keiner, wie es gehen wird und ob
überhaupt.
Aber wir fangen einfach mal an.
September 2007
Unglaublich, jetzt fehlt nur noch der
Schutzlack. Wir haben 210m⊃2; Mauer bemalt,
jeder hat ein 7,5 x 3,5 Meter großes
Gemälde geschaffen, das einen Blick
jenseits der Mauer zeigt, nach vorn, nach
draußen, in die Ferne, in eine Zukunft.
Aber auch einen Einblick ermöglicht in die
Gedanken, die Herzen, die Sehnsucht der
Künstler.
Wir haben optisch die Enge des Hofes,
das Eingeschlossen sein durchbrochen.
Vielleicht können wir damit auch die Enge
und die Mauern in den Köpfen der Menschen
durchbrechen, unseren eigenen
und die der Betrachter „draußen“.
Es wurde viel gelacht, nachgedacht, ausprobiert,
geschimpft und sich gefreut. Am
meisten aber gemalt, nicht aufgegeben,
bevor alles fertig und gut war, zusammen
im Team. Wir sind nun erschöpft, aber
glücklich – und stolz.
Es ist – unglaublich!
Susanne Blei
Kunstlehrerin

flyer Mauerprojekt [3.514 KB]