|
|
Leider gab es keine Bilder vom Konzert der Band Zitrone. Dafür aber zwei Presseartikel:
Musikalische Flucht aus der Gefängniswelt Datum: 12.11.2005
Kurztext: Thomas Hartmann Pforzheimer Zeitung
Die Band "Zitrone" verabreichte Häftlingen in Heimsheimer Vollzugsanstalt bitter-fruchtiges Musikmenü - Stücke kommen an
Nicht schuldig - im Sinne der Anklage. Auf pechschwarzem Shirt prangt neben einem grimmigen Bull-Terrier-Kopf, was ein Konzertbesucher über sein Urteil denkt. Viele der rund 550 Häftlinge im Heimsheimer Knast denken so wie er. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, nicht richtig verstanden. Obgleich sie dem Freiheitsentzug nicht ausweichen können, sollte der angestaute Ärger über die Justiz - und vielleicht auch über eigene Fehler - zumindest für eineinhalb Stunden in den Hintergrund rücken.
Das Trio "Zitrone" ließ sich durch doppelt und dreifach verschlossen Zell-Trakte in den Mehrzwecksaal einweisen. Einige Häftlinge haben sich von Anfang an die besten Plätze in der ersten Stuhlreihe gesichert, Gefängnisleiter Hubert Fluhr sollte nach einer kurzen Ansprache hinter ihnen Platz nehmen.
Andere verurteilte Zeitgenossen haben sich ganz hinten eingefunden. Erst am Konzert-Ende fallen sie durch "Zugabe" -Rufe auf. Ihr Applaus hoch über den Köpfen ihrer Vorderleute dringt bis zur Bühne vor. Eingerahmt von den "im Namen des Volkes" verurteilten Straftätern haben sich einige Gäste versammelt. Kunst und Kultur im Knast hat beständig Anhänger, auch "von draußen" gewonnen - egal ob Verbrecher oder eingeschleuste Künstler auf der kleinen Bühne stehen..
Fidel marschieren die Musiker ein. Fahrenden Künstlern gleich wollen sie die Insassen mit auf eine Länderreise nehmen. Anfangs verharren die Häftlinge ohne Regung. Distanziert, mit verschränkten Armen empfangen sie all die Klangwelten, die zum Aufbruch nach Argentinien, Israel, Spanien, England oder Frankreich einladen. Mareike Wedler, Rainer Lohrer und Marco Buberl setzen auf Musik pur. Auf redaktionelle Hinweise zur Gruppe, Ansagen oder Selbstinszenierung verzichten sie komplett. Das kommt an, nicht nur bei den Gefängnisinsassen.
Bald stellt sich ein leichtes Fußtippen im Verborgenen ein. Ein anderer Häftling scheint vorgelehnt und mit geschlossenen Augen das Gitarren-Intro in sich aufzunehmen. Einige weniger lyrische Verse zum Verliebtsein und der Liebe zum Leben regen zum Schweigen in Jugend-Erinnerungen an. Das Murren eines Uhus und ausgelassene Jodler lösen für etliche Momente ungebrochene, fast kindliche Freude unter den gestandenen Mannsbildern aus. Modrig-melancholische Passagen lassen Schwermut aufkommen. Einem jungen Mann entfährt ein nicht vernehmbarer tiefer Seufzer. Kantige Rhythmen und variationsreiche Instrumentierungen wirken entkrampfend. Ein Knacki schüttelt - sitzend und ohne Aufsehen zu erregen - sämtliche Körperteile.
Trio sprüht vor Ideen
Die drei Musiker aus Stuttgart sprühen vor Ideen, deren weitere Erprobung sich lohnen soll. Erst seit kurzem musizieren sie gemeinsam. Dass "alle alles spielen" können, kann als Indiz für ihr umfassendes Können gewertet werden. Mit Akkordeon, Cello, Gitarre, Bass, Klavier und mancherlei hörenswerten Hilfsmitteln eröffnet sich der unverbrauchten Combo tatsächlich eine Grenzen überschreitende Welt der Melodien und Stimmungen. Mareike Wedler ist an der Hochschule für Musik in Karlsruhe als Dozentin zuständig für Orchsterleitung und Schulmusik. In der Heimsheimer Justizvollzugsanstalt hüpfte sie von einem Bein aufs andere. Eine Matrosin mit Akkordeon frohlockt mit ihrer Besatzung, wenn sie dem unsichtbaren Landstreifen am Horizont entgegensegeln.
Reise von Heimsheim anderswohin Datum: 07.11.2005
Kurztext: Barbara Bross Leonberger Kreiszeitung
Viel Klang und noch mehr Seele - das hat am Sonntagmorgen das Trio "Zitrone" bei einem Konzert in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim geboten. Drei- bis viermal im Jahr bietet die Anstalt den Gefangenen Gelegenheit, Kultur von außen, Musik, Lyrik oder Malerei, zu genießen.
Was liegt in einem kleinen Lied? Ein wenig Klang und eine ganze Seele. Dieser kleine Satz, ausgesprochen irgendwann zwischen zwei Liedern von Akkordeonspielerin Mareike Wedler , drückt vielleicht am besten aus, was dieses als Tonreise durch andere Kulturen angekündigte Konzert bei vielen der zuhörenden Gefängnisinsassen zu bewirken vermochte. Bei Michel, der eigentlich aus Paris kommt, aber seit 15 Monaten in Heimsheim einsitzt, flossen gar Tränen. "Very emotional" erzählt er bewegt auf Englisch, habe er das Konzert gefunden, nicht nur, weil auch einige Lieder seiner Heimat intoniert worden waren und er selbst ausgezeichnet Gitarre spielt. Und so habe er zum ersten Mal hier im Gefängnis geweint. Ähnlich wie ihm ging es Dietmar, der den Hauschor und die Hausband verstärkt, und auch Wolfgang, der als kleiner Junge zwei Jahre Klavierunterricht hatte, sich das Musizieren seither selbst beigebracht hat und nach dem Konzert sogleich am Piano saß.
Das Trio aus der jungen Dozentin an der Karlsruher Hochschule für Musik ( Akkordeon, Cello) und den beiden Hobbymusikern Rainald Lohrer (Gitarre, Klavier) und Marco Buberl (Bass, Klavier) hat sich eigens für diesen Termin zusammengefunden und ein Programm zusammengestellt, das einen musikalischen Ausflug weit weg vom Gefängnisalltag bringen sollte. Jazz - Standards wie Autumns Leavers oder Lucky Southern waren ebenso darunter wie die bekannten Titel "Scarboroug Fair", "Killing me softly" oder das jiddische Lied "Dos Kelbl", besser bekannt unter dem Titel "Donna, donna".
Schade nur, dass von den 500 Insassen des Gefängnisses nicht einmal 20 den Weg in den Mehrzweckraum gefunden hatten und so auch jene poetischen Momente verpassten, mit denen Wedler Ausschnitte aus dem Roman Dschingis Aitmatows "Dschamilja" oder das Gedicht vom tapferen Steuermann "John Maynard" von Theodor Fontane vortrug. Wie das Trio nach dem Gedicht die Geräusche des berstenden , brennenden Holzes aus seinen Instrumenten holte, gehörte wohl zum Besten, was am Morgen zu hören war.
|
|